Kleine Whiskykunde Teil 6: Whiskygebiete Deutschland und Schweiz
Es mag überraschend klingen, doch es gibt tatsächlich gute Whiskys aus Deutschland und der Schweiz.
Noch vor 10 Jahren als Obstler verlacht, mit dem Bestreben verbunden Whisky Aroma erlangen zu wollen, heimsen deutsche und schweizerische Whiskys aktuell vermehrt sogar Auszeichnungen oberhalb der 90/100 Punkte in einschlägigen Whiskymagazinen ein und lassen so manchen Scotch hinter sich. Lassen Sie sich überraschen:
Whisky aus Deutschland
Nach dem Zweiten Weltkrieg gelangte Whisky durch Soldaten von den britischen Inseln und den USA nach Deutschland und wurde hierzulande sehr schnell bekannt und beliebt. Deutscher Whisky ließ bis dahin noch lange auf sich warten. Erst die bayerische Brennerei Slyrs brachte ab 1998 nennenswerte Mengen hervor. Davor gab es vor allem kleinere Betriebe, deren Kompetenz ursprünglich im Brennen von Obstgeisten und Kornbränden lag. Seit den 1970er-Jahren wandten sie sich schrittweise dem Whisky zu. Deutsche Whiskys hatten den Ruf, eher eingangs erwähnten Obstwässern zu gleichen als dem edlen Malzbrand aus anderen Ländern.
Noch vor zehn Jahren traute man deutschem Whisky wenig zu. Inzwischen nehmen immer mehr Abfüllungen ihren Platz auf den Siegertreppen der Whisky-Awards einschlägiger Magazine ein und sind international anerkannt und gefragt.
Mit fast 200 Brennereien, die in Deutschland Whisky herstellen, existieren hier heute mehr Whiskymarken als in Irland. Die meisten dieser Brennereien stellen allerdings kleine Chargen her, welche nach wie vor lokal verkauft oder vor Ort ausgeschenkt werden.
Hier finden Sie eine interaktive Karte mit den derzeit aktiven deutschen Destillen: Karte deutscher Whisky Destillerien
Whisky aus der Schweiz
Die Existenz von Whiskybrennereien in der Schweiz währt noch nicht lang. Erst seit 1999 ist es erlaubt, aus Getreide selbst Alkohol zu gären und zu destillieren. Zuvor war es verboten, Grundnahrungsmittel zu Rohalkohol zu verarbeiten, weshalb der gesamte Bedarf importiert wurde. Auch heute macht der inländisch produzierte Anteil im Vergleich zum Import noch immer nur 2 bis 3 % aus. Von daher ist die Zahl der Brennereien in der Schweiz noch recht gering. In der kurzen Zeit haben die Schweizer beachtliche Fortschritte erzielt und finden heute internationale Anerkennung.
Aromatik von Whiskys aus der Schweiz und Deutschland
Explizit differenzierbare Herkunftsgebiete wie in Schottland sucht man in Deutschland und der Schweiz vergeblich. Stattdessen hat jede Destillerie ihren eigenen Stil, der nicht an eine klar abgegrenzte Region gebunden ist.
Auffällig ist jedoch, dass überwiegend Whiskys im Single-Malt-Stil produziert werden. Von einigen Ausnahmen abgesehen zeigen sie häufig ein rundes, mildes, fruchtiges sowie malzig-getreidiges Profil, teilweise auch mit torfigen Noten.
Sie erinnern damit eher an irische Whiskeys oder an die milderen Vertreter aus den schottischen Lowlands und der Speyside – sofern sich ein solcher Vergleich überhaupt ziehen lässt.
Dies ist bestenfalls eine Annäherung. Die Whiskys aus der Schweiz und Deutschland haben längst einen eigenen, wiedererkennbaren Stil entwickelt. Am besten erschließt sich dieser durch die Verkostung selbst. Ähnliche Bedingungen in der Schweiz und in Deutschland In Deutschland und der Schweiz sind die natürlichen Bedingungen wie Wasser, Böden, Torfvorkommen, Klima und angebautes Getreide weitgehend vergleichbar.
Beide Länder blicken auf eine lange und stolze Brau- und Brenntradition sowie auf das Wissen ihrer Brau- und Brennmeister und die Herstellung von geräuchertem Malz zurück, was den Zugang zur Whiskyherstellung erleichtert.
Abgesehen von der Fasslagerung und der Art der Brennblase ist norddeutscher Doppelkorn im Herstellungsprozess dem Whisky nahezu gleich. Die ähnlichen Voraussetzungen führen nicht nur zu vergleichbaren Ergebnissen, sondern bilden auch den Grund, beide Regionen gemeinsam zu betrachten.
Das Zünglein an der Waage - der Einfluss der Brennblase
Einzig die Brennblasen in Schottland und Irland sind anderer Bauart und größer als jene, die der Herstellung von Obst- und Kornbränden dienen.
Mit dem Bau von Brennblasen, welche denen in Schottland gleichen, erzeugen Brennereien wie Slyrs Single-Malt-Whiskys, die den Vergleich mit schottischen Erzeugnissen nicht scheuen müssen.
Die unterschiedlichen Destillationsverfahren prägen maßgeblich das Aromaprofil: Während sie beim Single-Malt-Whisky für komplexe, malzige Noten sorgen, fördern sie beim Obstler vor allem intensive, fruchtige Aromen.
Unterschiede zu Scotch-Whisky und Irish-Whisky
Man hält sich an die in der EU definierten Herstellungsbedingungen, welche sich eng an den Vorgaben der Scotch-Whiskys orientieren. Aus beiden Ländern kommen also verbrieft "richtige" Whiskys. Während man sich in Schottland und Irland meist an die traditionell gewohnten Verfahren und Eichenfässer hält, ist man in der Schweiz und Deutschland experimentierfreudiger, was die Wahl der Fässer oder auch des Getreides angeht.
Die geschmackliche Vielfalt dürfte also innerhalb dieses Herkunftsgebietes vielfältiger sein als bei Whiskys anderer umgrenzter Provenienzen. Eine weitere prägende Eigenheit bei Whiskys aus Deutschland und der Schweiz sind die meist kleineren Fässer, welche auf ein intensiveres Aroma einzahlen.
Eine Besonderheit: bis zu fünffach schnellere Reifung
Das feuchtere und wärmere Klima sowie die größeren Temperaturschwankungen sorgen im Vergleich zu Schottland für eine schnellere Reifung.
Der "Angel’s Share", also die Verdunstung im Reifeprozess, geht in Deutschland und der Schweiz schneller vonstatten und fällt höher aus.
Whiskys aus der Schweiz und Deutschland reifen so innerhalb von 3 bis 5 Jahren zu einer Güte, welche in Schottland und Irland 10 bis 15 Jahre braucht.
Wie kommt dann erst ein zwölfjähriger Whisky aus der Schweiz oder Deutschland daher? Das sollte man sich im wahrsten Sinne des Wortes einmal auf der Zunge zergehen lassen.
Whiskys dieser Brennereien sollte man probiert haben
Deutschland:
- Slyrs
- Rothaus Whisky
- Brigantia
- Bodensee Whisky: Besonderheit: Die lagernden Whiskys werden mit Musik der lokalen Blasmusikkapelle "verwöhnt".
- Ziegler Liebl: Diese Brennerei hat sich den Ardbeg als Vorbild genommen, was man schon am Logo sehen kann.
- St. Kilian
- Senft
Schweiz:
- Langatun
- Seven Seals
- High Glen von That Boutique-y Whisky Company
- Säntis Malt
Wir hoffen, wir konnten geneigten Whisky-Liebhabern neue Perspektiven eröffnen und ihre Neugier wecken.
Ihr WOLSDORFF-Team
Kleine Whiskykunde Teil 1: Was ist Whisky?
Kleine Whiskykunde Teil 2: Herkunftsregionen schottischer Whiskys
Kleine Whiskykunde Teil 3: Made in Japan – Whisky aus dem Land der aufgehenden Sonne
Kleine Whiskykunde Teil 4: Whiskyzeit, Fassstärke & Wasser
Kleine Whiskykunde Teil 5: Irish Whiskey
Kleine Whiskykunde Teil 6: Whiskygebiete Deutschland und Schweiz